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Dienstagsfilm: Silentium

von Florian Naumann

Es könnte Hellseherei gewesen sein, ein Zufall – oder es liegt doch nur daran, dass manche Probleme tiefer angelegt sind. Institutionalisiert praktisch. Irgendwo tief verankert. Schon im Jahr 2004 jedenfalls wühlt sich in Silentium Josef Hader als Brenner durch die dunklen Ecken der österreichischen katholischen Kirche, sexuelle Missbräuche verschiedener Art tauchen da auf – nach einem Roman von Wolf Haas, der noch ein paar Jahre mehr auf dem Buckel hat.

Silentium ist ein österreichischer Film. Und auch wenn er nicht in Wien, im Urbild der morbiden Alpenrepubliksstadt, spielt, passt das ganz hervorragend – denn Abgründe und der lakonische Umgang mit ihnen… Das passt ganz wunderbar in das Klischee, aber auch die Sprache unseres Nachbarlandes.

Der heute wieder aktuelle Abgrund – der war schon da. Und das lakonische, um das muss man sich vielleicht bemühen, aber Haas’ Buch, Regisseur Wolfgang Murnberger, Hader und das ganze Ensemble liefern das achselzuckend, trocken und ohne eingespielte Lacher vom Band. Wie es sein soll.

Da ist der Titel-Anti-Held Brenner in Salzburg gestrandet, als Kaufhausdetektiv in der Provinzoperettenstadt… Und der FM4-Moderator Hermes flüstert es als Off-Stimme schon ganz zu Anfang: “Jetzt ist schon wieder was passiert”. Der Mann der Festspiel-Prinzessin ist vom Mönchsberg in Tod gestürzt – und war doch gerade dabei einen Prozess gegen die katholische Kirche anzustrengen, behauptete, als Kind sexuell missbraucht worden zu sein…

Irgendwer ganz anders muss es herausfinden, und irgendwie ist es der Brenner, der das tun muss. Sich in das Klosterinternat einschleichen. Und das wäre eine ganz schön simple Krimigeschichte, wäre der Film nicht so unverfroren in seinen Bildern: Da muss der Brenner als getarnter Hilfsarbeiter ein übermannsgroßes Kruzifix durch die Gänge tragen, von dem eben noch der Jesus abgeschraubt wurde, der Pfarrer gibt den Judaskuss – und schon längst wäre unser sarkastischer Antiheld in der zu seiner Abwehr gestrickten Intrige hoffnungslos verfangen worden… Würde für die Salzburger Polizei nicht das Wort der Festspielsippe alle Zweifel bei Seite wischen… Und die, die Kulturelite, bekommt natürlich auch ihr Fett weg.

Am Ende kommt ohnehin noch ganz anderes zum Vorschein, und das ist nicht nur der Brenner, der sich mit einer Treppe aus Kästen feinstem Salzburger Bier der Marke Stiegl einen Treppenweg ins Freie baut. Und wissen Sie schon, wie das mit den Knackwürsten und dem Leberkäs ist?

Erschreckend und kritisch und feingeistig und sarkastisch und ein Lachen zur Auflockerung – this is as bright as it gets, wenn der Weg in Österreichs Düster führt.

Auch empfehlenswert sind freilich die anderen beiden Teile der Brenner-Trilogie: In Komm süßer Tod geht es um die Leichen in den Krankenwagen Wiens, in Der Knochenmann um verzweifelte Liebe und ihre grausligen Folgen im Nirgendwo der Land- und Bergwelt. Dazwischen stolpern der Hader, also: Der Brenner und sein Freund Berti umher, und so nebenbei passiert eine Einführung in die amüsanten Abgründe der Volksseele, untermalt von den Sofa Surfers.

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Silentium | Wolfgang Murnberger | Josef Hader, Simon Schwarz, Maria Köstlinger, Joachim Król, Jürgen Tarrach | Musik: Sofa Surfers | 2004 | imdb, wikipedia |

Titelfoto: (c) DORFilm, Pedro Domenigg

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