fallen/legen blog

Ungesundes Gefälle.

von Florian Naumann

Eines ist Guido Westerwelle nicht abzusprechen: Eine Art “Vision” hat er zurückgebracht in den sonst gar so pragmatisch an Symptomen herumwurstelnden Politikbetrieb -  Und das Bild, dass dem deutschen Oberwirtschaftsliberalen vor Augen steht ist ein klares: Wer etwas leistet, der soll haben und behalten – wer weniger “leistet”, muss sich mit wenig oder nichts begnügen.

Es ist die anstrengendste aller Welten, die er uns da malt: Wer stark und clever genug ist, sich selbst zu ver-markt-en, der darf die Währung unserer materiellen und gesellschaftlichen Hierarchien einstreichen und behalten. Wer zu schwach ist, oder auch nur nicht clever genug den lukrativen Weg zu wählen, der muss sich mit weniger begnügen. Es ist ein ständiges und etwas sinnvergessenes Rudern und Ackern – und der Fall der Erschöpften ist tief… das muss so sein, damit die Spitze weit oben sein kann. Denn Westerwelles Klientel sind diejenigen, die sich für stark und agil halten: Ellbogige Gipfelstürmer.

Ein schweißtreibendes Gebirgspanorama ist das. Und die britischen “Sozialepidemologen” Kate Pickett und Richard Wilkinson haben dem Bauchgrummeln der Nicht-Liberalisten nun ein Diagnoseblatt mit empirischen Ziffern verpasst: Je ungleicher eine Gesellschaft ist, desto mehr greift das Unglück um sich. Mehr Morde gibt es in ungleichen Gesellschaften, mehr Teenager-Schwangerschaften, weniger Bildung, mehr Fettleibigkeit… und sogar die relativ gesehen Reichen leben in gleichen Gesellschaften länger, als die Reichen der zerklüfteteren sozialen Gefüge.

Die Erklärung der beiden Wissenschaftler ist einfach: Sind die unteren 20 Prozent einer Gesellschaft sehr viel ärmer als die reichsten 20, dann ist das Rennen für die Armen aussichtslos, Frust und Verzweiflung sind die Folge – während die reicheren Schichten in Angst vor dem gesellschaftlichen Abstieg leben. Entscheidend ist da vielleicht nicht einmal die absolute Geldmenge: In den Industriegesellschaften macht Geld nicht glücklicher, auch das stellten Pickett und Wilkinson fest. Aber: Es ist der Maßstab für gesellschaftlichen Respekt. Je stärker die Armen ausgeschlossen sind, umso schlimmer scheint ihr Status und Schicksal – für die, die es sind, und für die, die ihren privilegierten Status halten müssen.

Und dann sind da noch andere Wirkungen: Dort, wo auch weniger privilegierte Berufsgruppen vollwertig leben können, da steigt die lebensplanerische Fantasie: Jugendliche in Nordeuropa wollen oft auch Schreiner oder Krankenschwester werden, stellten die Wissenschaftler fest – in den USA gedeihen lediglich die Träume von dem Leben als Popstar, Sportler und Jurist. Blüht da eine besonders schöne Form von Freiheit, im Schreckenstal der Liberalen, der nivellierten Gesellschaft?

Ganz erschreckend einfach scheint die Rechnung: Wenn Geld und die Angst vor seinem Mangel nicht mehr der bestimmende Faktor jedes Tagwerkes ist, dann können sich andere Ziele, Werte und Pläne entfalten – wenn es jeder hat, bestimmt es nicht mehr die Hierarchie. Auch gesellschaftlich wertvolle Tätigkeiten erhalten einen anderen Wert, wenn ihre Ausübung nicht mit dem Stigma des Festsitzens in der Unterschicht behaftet ist. – Dann lohnt sich Leistung auch, wenn sie nicht Spitzenrendite bringt.

Die Zahlen der Studie sind nicht gefälscht, sie stammen aus Quellen der UNO, der nationalen Regierungen und der Weltbank, und Zusammenhänge der Mord- und Bildungsraten mit kulturellen Faktoren haben die Autoren ausgeschlossen – also endlich die medizinische Bescheinigung für die psychosomatischen Schmerzen der linken Tabu-Hüter.

Und vielleicht schärft sich das Traumgebirge des Guido W. noch ein wenig mehr: Mit den Rolltreppen, die von den schwindelnden Höhen abwärts führen, und nur im Zwei-Stufen-Sprung nach immer mehr Groschen überwunden werden können. Und den sanften Hügeln der Gleichmacherei, auf der jeder seine Decke ausbreitet, wo es ihm gerade gefällt – vielleicht nicht mit kilometerweitem Ausblick, aber ohne Angst vor dem Schluchtensturz.

Weiterlesen: z.B. bei der taz – oder im Buch Picketts/Wilkinsons.  – Auch wenn der deutsche Untertitel (“warum gerechte Gesellschaften besser sind”) mit dem Wort “Gerechtigkeit” ein wenig problematisch scheint. Denn was gut ist, muss noch nicht gerecht sein – und auch wenn es das wäre: Ist das nochmal eine andere Diskussion.

Titelfoto: “13%” von Ernie|Bert (via flickr)

Ein Kommentar.

  1. Dienstagsfilm: Lichter-fallen/legen Am 16. March 2010 um 23:48 Uhr.

    [...] Den Frankfurter Matratzenhänder vor dem Ruin, die deutschen Zigarettenschmuggler; die Gruppe ukrainischer Auswanderer vor dem unüberwindlichen Grenzposten und der polnische Taxifahrer der ihr Geld nimmt, um seiner Tochter ein neues Kommunionskleid kaufen zu können, die geklaute Kamera: Sie setzt Schmid ist das ironisch goldene Herbst Licht. Und all die Miseren passiern, weil der Hunger nach dem kleinen Stück vom großen Kuchen so groß ist. – Nicht, dass ihre Leben schlichtweg erbärmlich gewesen wären… Aber wer mag sich für etwas halten, mit dem kleinen bisschen, vor dem funkelnden Hintergrund der Weltstadt Berlin? Die große Ungleichheit und das relative Leid… [...]