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“Schönes, verhangenes Schweden.”

von Florian Naumann

It’s been a while. “Schönes, verhangenes Schweden” stand über der Rezension, die ich damals las. Ich glaube: In der Intro. Ein wenig scheint es mir rührend, dass sich Rezensenten (oder vielleicht alle Hörer) ab und an so einig sind, über die Bilder, die Musik transportiert. Schließlich haben Songs kein Wetter. Es passiert alles in Köpfen. In denen der Musizierenden. Und in denen derer, die zuhören. Dazwischen flirren die immateriellen Blitze.

Um The Radio Dept. ging es in jener Rezension, damals, im Herbst 2006. Viel kannte ich damals nicht, von der Band: Pulling Our Weight und Why Don’t You Talk About It, die legalen Gratisdownloads, die es ein Jahr früher, im verschwitzt sinnlos heißen Nachabitursommer 2005 so gab. – Nun kamen ein paar Dinge zusammen: Mein erster Aufenthalt in Schweden, und die neu entdeckte Liebe für die endlos blauen Junidämmerungen dieses Landes. Der Plan dorthin zurück zu gehen, ein Jahr studieren. Das Review in der Intro. Und das Exemplar von Pet Grief, des rezensierten Albums, das ausgerechnet im Kreisstadt-Media Markt auf der Theke mit den Probehör-CD-Playern herumlag. Ende Oktober. Und klang wie das Land, dass ich mir nun unter dicken, maritimen Wolkenschleiern vorstellte. Oder waren es nur die Worte des Artikels?

Seitdem ist einiges passiert: Das Jahr in Lund, in der Stadt, aus der The Radio Dept. kommen. Das Jahr warten darauf. Die Monate danach, auf den Balkonen Münchens, deren Dämmerungen sich redlich bemühten mit der verlorenen Heimat auf Zeit mitzuhalten, im Sommer 2008. Die Gedanken von da nach dort. Und dort. Schönes verhangenes Schweden. Fest eingewebt wie ein schillernder Faden in diese Zeit: The Radio Dept. Wenn das Leben ein Schal ist, dann klingen einige Zentimeter des meinen nach Radio Dept.

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Suchte ich mir das aus? Oder liegt es in der Musik? Das größte Mysterium aber: Die Songs wollen sich nicht an jener Zeit festkrallen, sondern wandern mit. Schillernde Fasern in neuen Stoffen.

Wäre man Nick Hornby hätte man vielleicht ein Buch über dieses Phänomen geschrieben. Es müsste doch ein bekanntes sein, unter uns Indie-Nerds: Für jede Fußball-Mannschaft ist das Jahr nach dem Titel das schwerste. Und für jede Band das Album, zu dem man die Zeit seines Lebens hatte die vorprogrammierte Niederlage. Wievielen Bands habe ich “Nachfolger” übel genommen? Nicht mehr spannend, nicht mehr neu – nicht mehr mit mir verbunden. Wie auch?

Martin Duncansson singt aber immer noch auf diese spezielle Art: Ein bisschen wie entrückt. Oder in den Himmel blickend. Wie so sehr von den Texten betroffen, dass etwas Distanz nötig ist. Und die Gitarren, die dazu wie stoisch kleine Verzierungen malen. Und die Keyboards und Synthies, die eine ziehende Wolkendecke bilden.

Das ist das Grundkonzept, über dem alle Alben anders klingen: Das noisig gitarrenschlagende Lesser Matters, fröhlich-melancholisch wie der letzte Tag einer Reise (gekauft im Sonderangebot in der Stora Södergatan.). Das traurig-akzeptierende Pet Grief mit seinen dicken, aber federleicht-streichelnden Synthie-Teppichen. Und jetzt Clinging To A Scheme: Der erste Tag Frühling nach einem langen Winter: Lachen mit Narben. Das ist Timing.

Und immer: Platz. So viel Raum. Nichts davon rückt zu nahe. Ausbreiten kann man sich bis an die Ränder des realen Raumes in dem man sich befindet. Träumen bis zur Wolkendecke, klare Luft. Englische Songschreibertradition ließe in den Texten Platz zur eigenen Interpretation, sagt eine Plattitüde. The Radio Depts Musiken lassen sogar in den Harmonien Platz um darin die eigene Melancholie verschwinden zu lassen. Schrieb ich, dass der Himmel in Südschweden immer wie eine besonders hohe Kuppel scheint, wenn es sonnig ist? Höher als alles mitteleuropäische.

…dann waren da noch die friedlichen, vom Reden und Umherlaufen müden Abende am Anfang des Schwedenjahres, mit Your Father und jenen langen Dämmerungen. Die letzten Maiwochen mit der zurückkehrenden Sonne, und dem aufkeimenden Erinnern an all das erlebte und 1995. And though I’m happier now, I always long somehow… Und das Konzert im Lieblingsclub, Backstein, etwas Rausch und bekannte Gesichter, und draußen die große blaue Dämmerung.

Ich könnte noch schreiben über den faszinierenden Ping-Pong-Beat zu Beginn von A Token Of Grattitude. Oder die Faszination der ausfadenden Keyboards, die auch auf Clinging To A Scheme wieder funktionieren wie ein Nachtende im Zeitraffer, oder der Moment, in dem sich der Blick über den nördlichen Strand öffnet. Aber mit der Bemerkung, dass ein ganzer Brustkorb voll Leben und Erinnerungen in diese Songs passt, sogar in die, zu denen noch gar kein Leben passiert ist… Ist eigentlich alles gesagt.

Clinging To A Scheme erscheint am 26. April 2010. Es jetzt schon zu hören ist trotzdem nicht schwer.

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