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Dienstagsfilm: Lichter

von Florian Naumann

…eigentlich sind es vergangene Geschichten, die in den Bildern aus dem Jahr 2003 sichtbar werden: Polen gehört mittlerweile zur EU, Ost und West werden nicht mehr vom Wasser der Oder getrennt. Und dann sind sie wieder aktuell wie eh und je: Die Grenze verschwindet nicht. Auch wenn sie in die Ferne zu rücken scheint.

Christoph Schmid hat in Lichter Episoden aus zwei scheinbaren Elendspflastern verwoben, und für die Authentizität Schauspieler aus Deutschland und Polen sprechen lassen: Frankfurt an der Oder und Slubice; 800 Meter Luftlinie. Hier eine der ärmsten Städte Deutschlands – dort der letzte Posten des Ostens, aus dem die Blicke sehnsuchtsvoll auf die Hochhauslichter jener Stadt wandern, aus der seit der Wende 23.000 Menschen weiter nach Westen zogen.

Den Frankfurter Matratzenhänder vor dem Ruin, die jugendlichen Zigarettenschmuggler; die Gruppe ukrainischer Auswanderer vor dem unüberwindlichen Grenzposten und der polnische Taxifahrer der ihr Geld nimmt, um seiner Tochter ein neues Kommunionskleid kaufen zu können, die geklaute Kamera: Sie setzt Schmid ist das ironisch goldene Herbst Licht. Und all die Miseren passieren, weil der Hunger nach dem kleinen Stück vom großen Kuchen so groß ist. – Nicht, dass ihre Leben schlichtweg erbärmlich gewesen wären… Aber wer mag sich für etwas halten, mit dem kleinen bisschen, vor dem funkelnden Hintergrund der Weltstadt Berlin? Die große Ungleichheit und das relative Leid

Und so sind es dann immer alle, die ein wenig schuld sind: Die, die alles aufgeben und ein wenig über Leichen gehen, um etwas abzubekommen. Und die, die es ihnen mit Suchscheinwerfern und Grenzposten vorenthalten wollen – die Ungleichheit endet nicht am Schlagbaum. Wieviel höher waren überhaupt die Mauern des Eisernen Vorhangs?

Eine kleine Flut von Schicksalen, der Mikrokosmos der für den Film die ganze Welt ist – und dazu der Soundtrack von The Notwist, schimmernd und melancholisch… Warmes Menschenleben, kalte Mauern, Träume aus Plastik – am Ende bleibt ein großes Bild, flüstert es ein Plädoyer. Aber das: darf jeder selbst formulieren.

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Lichter | Hans-Christian Schmid | Ivan Shvedoff, Maria Simon, Zbigniew Zamachowski, Devid Striesow, Alice Dwyer | 2003 | imdb, wikipedia |

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