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Mit dem Fahrrad zum Meer.

von Florian Naumann

Eine schöne Überraschung des Jahres 2009: Das Pluckern, und der bedrückt holpernde Rhythmus des Intros – dann reißt der Himmel auf, und der Blick richtet sich nach oben – und so schön kann man traurige Lieder singen, wenn aus Traurigkeit Schwelgerei wird: “Promise to make a crack in every roof, to let the air and the sunshine in“. Man will’s ja versprechen. Und dann ist es auch schon wieder vorbei.

So beginnt mit Berlin Solanders Debütalbum Since We Are Pigeons. An einem Märztag vor zwei Jahren war mir aus einer Wühlkiste in Malmös Süden Solanders selbstproduzierte EP entgegengefallen – und dann, letzten Oktober, hatten sie’s auf einmal in die weite Welt geschafft: Gute Nachrichten aus Malmö.

Und es ist tatsächlich alles gut gegangen: Die kurzen Songs des Albums fügen sich zusammen zu einem traumartigen Ganzen – bevor man sie gefasst hat, sind die schon wieder verklungen, die Melodien. Und die Bilder der entfernten Orte (Berlin, New York, Vagnhärad, die rätselhafte Mischung) und Gefühle bleiben – aufgefädelt wie in einem traumreichen Schlaf. Wo er die Inspirationen gesammelt hat, wie sie im Sommer 2009 zusammengefügt wurden und heute werden, was an weiteren Träumen zu erwarten ist und warum Fredrik nun zu zweit touren… hat uns Solanders Fredrik Karlsson im Interview erzählt.

fallen/legen: Fredrik, Solander gibt’s schon eine ganze Weile glaub ich – aber euer Album ist erst vor ein paar Monaten erschienen… wie hat’s so plötzlich geklappt?

Fredrik Karlsson: Ja, schon 2004 hab ich 4 Songs in Göteborg aufgenommen. Mit einem Arbeitskollegen namens Anders. Heute stell ich fest, dass die ziemlich von Will Oldham inspiriert waren, ein bisschen verstimmt, und freakig folkig – irgendwo muss ich die Aufnahmen noch haben. Ich hab sie meinem Freund Gustav vorgespielt, und er hat gemeint, er würde sie gerne live spielen… Manchmal springen die Leute von damals noch live ein. – Heute ist Solander jedenfalls eine fünfköpfige Band in Malmö. Daneben bin ich immer noch in einigen anderen Bands involviert und so gab’s nie Zeit etwas aufzunehmen. Aber letzten Sommer hatte ich zwei Monate frei – und so hab ich diese Monate buchstäblich im Studio gelebt, um Since We Are Pigeons fertigzustellen.

“jeden Tag hab ich auf die gleiche Weise verbracht, in dieser Zeit: Mit meinem Fahrrad zum Meer, Murakami lesen und schwimmen.

Im Sommer hast du aufgenommen – und im Oktober kam das Album schon raus. Klingt ziemlich fix. Hattest du vorher schon Kontakt mit Tenderversion [dem schwedischen Label auf dem Since We Are Pigeons erschien, Anm.]?

Ja, das klingt ein bisschen kurzfristig. Aber faktisch war das alles gut geplant. Tenderversion hatte uns ein paar Support-Shows für Scraps of Tape spielen lassen, und irgendwann im Frühjahr bekam ich einen Anruf, ob ich ein Album aufnehmen will… Das war ein straffer Zeitplan – aber so arbeite ich am liebsten, ich brauche den Druck. Unglücklicherweise war’s tagsüber im Studio ziemlich heiß, und so hab ich vor allem abends, nachts, und in den frühen Morgenstunden gearbeitet.

Klingt interessant. War das ein Einfluss, das Arbeiten am frühen Morgen? Ich hab schwedische Sommernächte als ziemlich einzigartig in Erinnerung, mit ihrer Stimmung und Atmosphäre…

Naja, es war nicht so sehr ein Einfluss wie eine Einschränkung. Ich glaub, der Einfluss der Tage war sogar größer, jeden Tag hab ich auf die gleiche Weise verbracht, in dieser Zeit: Mit meinem Fahrrad zum Meer fahren, Murakami lesen und schwimmen. Nach dem Abendessen bin ich dann ins Studio und hab aufgenommen. Ich glaub, dass die sanfte Müdigkeit des Schwimmens irgendwann in die Musik herübergeschwappt ist… Für das nächste Album will ich mir aber eine Klimaanlage ins Studio holen. Oder ein bisschen Geld bezahlen, um woanders aufzunehmen.

“Dinge, die die Narbe der Zeit tragen.”

Stimmt, ich hab gesehen, dass du “schwimmen” als “soft influence” auf deine Myspace-Seite geschrieben hast. Daneben stehen auch noch Holzböden, Bäume und Vögel… Ist das auch eine Referenz an diese Zeit? Oder etwas, das generell Einfluss hat? Wie schreibst du deine Songs?

Ich hab noch keine finale Methode. Ich arbeite immer an einer, aber wenn ich eine formalisiert habe, finde ich eine bessere. Im Moment mache ich Stop-Trick-Filme als Narrative, und dann mache ich Musik, die diese Gefühle in irgendeiner Weise interpretiert. Das ist auf zwei Arten gut: Man macht Filme, und man hat konkrete Arbeit für den Song. Andererseits braucht das sehr viel Zeit.  – Generell bin ich stark inspiriert von Dingen, die einen berührt haben, die man durchgestanden hat. Die die Narbe der Zeit tragen. Und ich bin gerade in einer sehr taktilen Phase. Ich komm immer wieder auf das Schwimmen zurück.

Wo wir von Dingen, die die “Narbe der Zeit” tragen sprechen: In deinen Songs kommen viele Städte und Plätze vor, Berlin, New York, Vagnhärad – sind die mit persönlichen Erinnerungen verknüpft?

Die Plätze in unseren Songs sind Orte, die eine Menge Eindrücke in uns hinterlassen haben. Besonders die schwedische Stadt, über die ich singe. Das nächste Album wird die Städte meiner Gymnasiums- und Universitätszeit beinhalten. Und es wird wieder eine Reise sein.

Nur so eine Idee: Ist Vagnhärad deine Heimatstadt? Ich glaub ich bin da mal auf der Autobahn nach Stockholm vorbeigefahren.

Vagnhärad ist die Stadt, in der ich aufgewachsen bin. 60 Kilometer südöstlich von Stockholm, und eine echte Arbeiterstadt, 6000 Einwohner, und eine Industrie. Ich hab wirklich zwiegespaltene Erinnerungen an diesen Ort – und er hat die Tendenz immer wieder in meinen Lyrics aufzutauchen.

“Bevor die Raketen steigen, kommen wir mit Pauken und Trompeten zurück!”

Ist Musik also vielleicht eine Art Orte und Erinnerung nah zu halten – oder auf Distanz?

Das war eine sehr direkte Frage, Florian. Ich denke, du wirst meinen Psychologen fragen müssen. Ich nehme an, es ist eine Art Kombination.

…ich hab jedenfalls herausgehört, dass es Pläne für ein neues Album gibt. Was können wir so erwarten?

Wir sind gerade erst bei den Demos – aber wir planen, noch dieses Jahr ein Album herauszubringen. Bevor die Raketen wieder steigen, kommen wir mit Pauken und Trompeten zurück! Die Richtung diskutieren wir noch. Aber das Reisethema wird wichtiger werden. Und das Storytelling wird definitiv interessanter.

Drei Bands, Filme und schon wieder ein neues Album. Sieht so aus, als würdest du wirklich viel Zeit in die Kunst investieren. Nur aus Interesse: Kannst du davon in Malmö leben, oder hast du noch einen Job?

Momentan sind es noch zwei Bands, Solander und Vit Päls sind Vollzeitprojekte… Ich und zwei andere haben Fredrik wegen “collaborational problems” verlassen – beziehungsweise wurden herausgeworfen – also ist jetzt wieder ein bisschen mehr Zeit verfügbar. Ich bin aber auch noch Lehrer… Aber dafür ist’s wirklich schwer Zeit zu finden.

Zum Abschluss: Ihr habt ja kürzlich eure erste eigene Europa-Tournee beendet – das war sicher auch gut für ein paar Reiseimpressionen nehm ich an… Wenn du eine rausgreifen müsstest?

Alles in Würzburg ist ein großes Highlight! Wir haben dort neue Freunde gefunden, und spielen wirklich gerne dort. Eigentlich kommen wir sogar bald schon wieder dorthin zurück, im April. Die coolste Entdeckung war aber dieses Mosaik über Bernhards Badewanne in Wien. Echte Kunst.

Solander: myspace – von dort auch das Titelfoto.

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