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Schall und Wahn: Neue Episoden.

von Florian Naumann

Als Tocotronic in den heißesten Tagen des Sommers 2007 ihre Kapitulation veröffentlichten und diesen subversiven Slogan in die verschwitzten Städte klebten, da war für die Band ein weiterer Schritt nach innen getan: Von der Fremddiagnose zurück nach Hause. Vom Kleinkunsttheaterhass zur Streckung die Waffen. Und zum Verändern der Welt von innen.

- wenn jetzt, in den verschneitesten Tagen des Winters 2010, Schall und Wahn aus den Boxen klingt, dann ist es nur der nächste konsequente Schritt: Von der Selbstbetrachtung, vom erlebten Ruin und dem Sitzen unter “seltsamen Signalen in der Nacht”, zum Ganz-bei-sich-sein: Aus einem sicheren Ort neue Perspektiven erfühlen.

Interessanterweise ist das weniger selbstfixiert als das Verschanzen und Kapitulieren der Kapitulation. Einen Schritt tiefer gehen und – fühlen was passiert. Wundersame Dinge sind es, und vor allem klingen dort die engen Verbindungen:  Das Blut an meinen Händen und Gift: Von anderen Lebewesen, und der zerstörerischen Nähe der Symbiose.

Und darüber liegt schon das Leitmotiv des Albums: Das Leben im Verlöschen, und das Ziel im Offenlassen der Dinge. Im Zweifel für den Zweifel, da mag der Rezensent ein Danke rufen, “im Zweifel für Zerwürfnisse und für die Zwischenstufen (…), Im Zweifel für den Zweifel und die Unfassbarkeit, für die innere Zerknirschung wenn man die Zähne zeigt”, im Zweifel für die Dialektik – es gibt eben keine einfachen Lösungen. Und haben wir nicht schon vor Jahren von Meisterwerken abgeraten, die Schönheit im Unvollendeten? Wer braucht schon Perfektion, wenn das Leben doch eh im Kopf passiert.

Mit der dialektischen Strategie ist das politische Arsenal des Albums aber noch nicht am Ende: Da ist das schöne Eingeständnis der eigenen Schwäche (“bitte verlasst mich nicht”, im Titeltrack), immer noch das Auf- und Hingeben, aber auch die Siegesgewissheit: “Die Folter endet nie/doch unser Schmerz verschwindet/der Fluchtpunkt ist in Sicht/auch wenn ihr uns die Augen bindet”. – Und damit die Sache nicht zu ernst wird, der ganz reale souveräne Spott aus der sicheren Innerlichkeit: “Bitte oszillieren sie, zwischen den Polen Bums und Bi! Oszillieren sie im Sinne der Ideologie.”

Unterlegt sind die inneren Welten mit eindeutig tocotronischen Klängen – aber ein bisschen größer, ein wenig spielfreudiger sind die geworden. War das Konzept von Pure Vernunft darf niemals siegen, “mit echten Instrumenten gespielter Techno” noch interessant aber für den Hörer eher ärgerlich, dann ist der neue Plan der “oppulenten Offenheit” viel überzeugender – zumal die gar nicht so oppulent wirkt: Im Opener Eure Liebe tötet mich funkeln sich die Gitarren ein ausgefeiltes Intro herbei, später basteln 2-3 davon an einem beinahe britischen Gebrause, satte Klänge, einmal eine ausladende Geigengeste aus dem DDR-Märchenfilm, und schließlich wieder selbstbegeistertes Gitarrencrescendo, Dirk von Lowtzow darf genüßlich “Gitarren!” zum Soloeinsatz rufen, noch so ein selbstsicherer Spaß – und schließlich wohnzimmergroße Akustikräume für die kontemplativeren der Songs.

Aber darüber stehen stets die Texte – mit ihrem Geheimnis der tröstlichen Sicherheit im Scheitern, in der ausweglosen Nähe, im Wissen um eine bessere Zeit, im verwunderten Erwarten der Dinge, und im beruhigten Spott… Vielleicht das menschlichste aller Alben, mit dem Singen von den Schwächen und Aporien. “In mir brennt das ewige Feuer – kalt, modern und teuer.” – wer drinnen bleibt, weiß mehr. Für die Schönheit der selbstkritischen Selbstsicherheit. Vielleicht schon das beste der Alben dieses Jahres.

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