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Leistung: Das missverstandene Prinzip. [Teil 1]

von Florian Naumann

Das hier, das ist ein Affront: Denn das hier, das ist ein Artikel, der sich kritisch mit dem Begriff Leistung auseinandersetzt. Oder mit der Forderung danach. Leistung, das ist aber ein “Wert” unserer Gesellschaft, irgendwo da oben im Trophäenregal, im Abteil “Materielles”, neben “Eigentum” – vielleicht ein paar Stufen über dem etwas verstaubten Kasten mit der Aufschrift “Immaterielles” – aber dazu später. Wer jedenfalls dorthin kritisch blickt, der macht sich verdächtig. Vielleicht der Blasphemie, bestimmt aber einer gewissen Faulheit, Schmarotzerei, oder eines unverhohlenen “Sandlertums”, wie man südlich der Donau sagen könnte.

Leistung: Ein Mittel, kein Zweck.

Um den Affront um eine Verwirrung in allen Lagern zu erweitern: Leistung, das kann etwas gutes, erstrebenswertes sein. Gleichzeitig sollte aber klar sein, dass Leistung zunächst etwas wertneutrales ist. Arbeit mal Zeit, in der Physik – die Kraft, die wir einsetzen um etwas zu erreichen, in deutschen Worten. Gut, erstrebenswert und richtig (oder das Gegenteil – meistens irgendetwas dazwischen) sind nur die Ziele die wir haben; Leistung ist nur das Mittel.

Es kann also ganz wunderbar sein, geradezu bitter nötig, ab und an alles zu geben, etwas zu leisten. Ebenso wie es sinnlos sein kann. Die Welt, in der wir leben, wird gestaltet, durch das, was wir tun – und wir müssen etwas tun, um eine Welt zu gestalten, in der wir auch leben wollen. Und, die nächste kleine Klarstellung, vielleicht ein kleiner Affront in die andere Richtung: Derjenige, der etwas tut, hat in unserer Gesellschaft durchaus das Recht belohnt zu werden. Auch materiell. Denn leider, kluge Leute wie John Rawls haben das korrekt erkannt, fällt für arg viele Menschen in unserer materiellen Welt der Anreiz etwas im Sinne aller zu tun weg, wenn keine Belohnung mit dieser Leistung verknüpft ist.

Am Anfang steht das Ziel – eigentlich.

Nur: Was wollen wir eigentlich? Was ist das Ziel, dessen Zuarbeit wir belohnen wollen? Das ist eine verflucht essentielle Frage, in einer Konstellation, in der Leistung verlangt wird, um ein Daseinsrecht zugebilligt zu bekommen – in der dieser Begriff so tief in unseren eigenen Köpfen sitzt, dass wir einen geschenkten freien Tag ohne Geldarbeit, ein bisschen Studentenleben, ein ausgeschaltetes Handy, oft mit einem schlechten Gewissen bezahlen.

An dieser Stelle wird es subjektiv – was man für wünschenswert erachtet, was eine Gesellschaft, ein Mensch tun sollte – das ist eine Frage, die schon immer unbeantwortet im politischen Diskussionsraum stand. Eine Frage, die vielleicht gar keine definitive Antwort verträgt. Aber vielleicht gibt es einen sinnvollen Arbeitskonsens. Ein mieses subjektives Postulat folgt nun also: Eine Gesellschaft sollte allen Menschen die größtmögliche Entfaltungsfreiheit geben, auf ihre Bedürfnisse Rücksicht nehmen, einen lebenswerten (und überlebensfähigen) Raum schaffen. In zwei Dimensionen: Für den Einzelnen – und für alle. Das verlangt Arbeit – um für alle etwas zu gestalten. Genauso wie Freiraum – um auch das Leben des Einzelnen lebenswert zu machen.

In diesem Sinne hätten wir zwei Ziele. Durch die Leistung die von uns so bitter verlangt wird – erreichen wir oft genug keins von beiden. Mindestens in einer Hinsicht sogar das Gegenteil…

Mehr in Teil 2.

Titelfoto: Egon Voyd via flickr unter creative commons-Lizenz.

2 Kommentare!

  1. Leistung: Das missverstandene Prinzip [Teil 2]-fallen/legen Am 17. December 2009 um 00:14 Uhr.

    [...] Leistung: Das missverstandene Prinzip [Teil 2] [...]

  2. Ungesundes Gefälle.-fallen/legen Am 14. March 2010 um 01:19 Uhr.

    [...] materiellen und gesellschaftlichen Hierarchien einstreichen und behalten. Wer zu schwach ist, oder auch nur nicht clever genug den lukrativen Weg zu wählen, der muss sich mit weniger begnügen. Es ist ein ständiges und etwas sinnvergessenes Rudern und [...]