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Leistung: Das missverstandene Prinzip. [Teil 2]

von Florian Naumann

Fortsetzung von Dienstag 15.12.: Zu [Teil 1].

Da haben wir also, wenn alle so wollen, unsere zwei Ziele, vielleicht leuchten sie ein: Einen Rahmen erarbeiten, der allen Überleben und, mehr noch, größtmögliche Entfaltungsmöglichkeiten bietet – und dem Leben des Einzelnen in einer Weise Raum geben, die so etwas wie “Leben” und “leben” tatsächlich ermöglicht; Freiraum für Schönes und Sinn. Lebens-wertes.

Dass für dieses Ziel Arbeit und Leistung, uneigennützige, anstrengende, manchmal auch aufreibende nötig ist, sei unbestritten. Aber: Die Leistung, die täglich (und schon viel früher) von uns verlangt wird – ist das eine Leistung im Sinne des eben postulierten Zieles? Nützen die Überstunden, die geleistet werden, die Arten, in denen wir uns in Assessmentcentern und schlaflosen Nächten verbiegen eigentlich dem, was wir aus unserer Umwelt machen wollen? Machen sie das Leben aller besser – und unseres?

Das Mittel über dem Ziel.

Das Ergebnis der Überlegung ist einigermaßen niederschmetternd: Das Leistungsgebot hat sich über das Ziel erhoben, die meisten der Kreisläufe in denen wir werken, dienen ihrer eigenen Reproduktion und der Anhäufung von Immernochmehrprofit in irgendwelchen Gesellschaftecken; oft genug mittels verzichtbarer oder auch noch umweltschädlicher Produkte – oder bestenfalls in Eigenlogiken insgesamt gesehen mäßig sinnvoller Tätigkeiten wie Einkaufstütenpacken oder (Vorsicht, Affront:) Marketing. Gleichzeitig sicher auch einem Wohlstand auch für eine gewisse breitere Schicht – den aber genau diese  so teuer mit dem zweiten Ziel, ihrem eigenen lebenswerten Leben, bezahlen muss. Und den wir vielleicht nie als Wunsch formuliert haben, der nie zur Diskussion stand. All die Wunderwelten der Einkaufspaläste.

Verbrennen im Hamsterrad.

Der Gesellschaft und dem Einzelnen dient das Leistungsgebot der Arbeitswelt also oft wenig. Und der Einzelne wird oft genug davon aufgefressen – die DAK hat herausgefunden, dass in Deutschland ungefähr 2 Millionen Angestellte schon mal Medikamente einwerfen, um noch mitzuhalten – Manager brennen aus, Nationaltorwarte werfen sich vor Züge.

Der Grund warum wir solche Anforderungen auf Leistung in eher sinnfreien Feldern erfüllen, ist gleichzeitig ein Mitgrund für seine Zerstörungskraft für den Einzelnen: Angst ist implizit das Druckmittel. Angst, jegliche Leistungs-be-lohnung zu verlieren, so weit, dass ein selbstbestimmtes Leben nicht mehr möglich ist. Und gleichzeitig den gesellschaftlichen Rang, die eigene “Daseinsberechtigung” zu verlieren – nicht, weil man nicht leistet (auch und gerade “Arbeitslose” könn(t)en ein wenig Selbstvertrauen vorausgesetzt viel für eine Gesellschaft leisten, ehrenamtlich, eigeninitiativ), sondern weil man nicht in jener – vielleicht sehr viel sinnloseren Weise – leistet, die stillschweigend als “wertvoll” ausgegeben wurden. Obwohl sie vielleicht gar nicht dem oben definierten Ziel des guten Lebens dienen.

Die abstrakte Angst.

Dabei muss gar nicht einmal ein Zerrbild des bösen Arbeitgebers der Ausgangspunkt der Angst sein: Denn schon Studenten oder Schüler quälen sich durch “berufsvorbereitende” Praktika deren konkreter Sinn oder persönliche Bedeutung oft genug ihnen selbst kaum erschließt: Aus einer sehr abstrakten Angst vor dem sehr abstrakten gesellschaftlichen Mechanismus: Wer nicht leisten darf, fliegt raus; ebenso wie derjenige, der nicht genug leistet. Und wieder: Was er oder sie mal leisten sollen darf ist selbst für den Lernenden völlig egal – spätestens dann, wenn eine Ausbildung rein nach “Berufsaussichten” gewählt wird. Und das passiert oft genug.

In diese Schiene passen die aktuellen Bildungsreformen: Es sollen nicht mehr Menschen ausgebildet werden, die etwas für ein sinnvolles Ganzes denken und leisten können, sondern solche, die Aufgaben erfüllen – die in einem Hamsterrad rennen können. Denn das ist ein Leisten ohne hinterfragtes Ziel: Das Antreiben eines Rades, das sich nicht von der Stelle rührt. Verlorene menschliche Arbeit. Verlorene menschliche Zeit.

Ein Ziel: Die Gewerkschaft der Sichnichtverschwender.

Was hilft? Wieder einmal nur denken. Selber Leistung definieren, und daraufhinstreben in jene Richtungen arbeiten, die sinnvoll sind (die übrigens schon bei kleinen Hilfstätigkeiten anfangen können). Das ist nicht immer möglich… – Aber wer schon sinnlose Dinge tun muss, sollte sie nicht zu wichtig nehmen, sich nicht selbst dafür verschweden. Stutzen, wenn das, was man ständig tut, die Welt nicht besser macht – die eigene, die eines anderen in der eigenen Umgebung, die große Ganze – und nicht wenn man eine fremde Aufgabe nicht erfüllt. Dingen einen Wert zumessen, auch wenn sie nicht von irgendwem einkommensteuerwirksam bezahlt wurden. Also erkennen und Grenzen ziehen: Zu einer besseren Welt gehört auch das eigene gute Leben, abseits des Materiellen: Ein freier Tag bringt freie Gedanken – weniger verloren als ein Tag im Hamsterrad. Wenn alle ihren Einsatz und ihre Aufmerksamkeit auf das richten, was Sinn hat, schön ist, die Welt besser macht – dann wird das notwendige sinnlose Übel, das jetzt vielleicht noch getan werden muss, an Macht und seine Druckmittel verlieren.

Honoriert werden sollte sinnvolle Leistung, – und nur zu der kann es so etwas wie eine Pflicht geben. Erkennt das erstere die Politik, und das zweitere der einzelne: Dann gibt es weniger Anlass zu Angst, denn das Leisten von einem wahllosen profiterzeugenden Sonstirgendwas bestimmt nicht mehr unser Recht zum Sein in der Gesellschaft. Und gibt es weniger verlorene Arbeit und Lebenszeit, denn was ein Mensch tut – das entscheidet am Ende nur er selber. Wir gestalten selbst unsere Leben – und dass sie (vor allem immateriell) gut und mit dem Ganzen verträglich sind, sollte ein Teil unser aller Plan und Ziel sein. Vor allem aber unseres täglichen Tuns.

Ein Kommentar.

  1. Leistung: Das missverstandene Prinzip. [Teil 1]-fallen/legen Am 17. December 2009 um 00:25 Uhr.

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