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Dienstagsfilm – Lilja 4 Ever

von Mario Wimmer

Dienstagsfilm – Wir stellen euch an dieser Stelle jeden Dienstag einen besonderen Film vor. Einen Film von dem wir denken, dass er euch während eines gemütlichen DVD-Abends begeistern könnte.

Nein, es schneit noch immer nicht. Dunkel bleibt es weiterhin, schauen wir also auch noch einen dunklen Film. Und hier schneit es, in dieser namenlosen Stadt im Baltikum in der die Geschichte von Lilja beginnt. Eine traurige Geschichte über das Schicksals eines Mädchens das von einem besseren Leben träumt.

Es ist eine Stadt der grauen Kästen, Ruinen am Rand eines toten Imperiums, in der, der schwedische Regisseur Lukas Moodyson seine Geschichte beginnen lässt. Eine Stadt auch der grauen Stunden, für Jugendliche wie Erwachsene ohne Anregung, ohne Möglichkeit oder Perspektive. Die Geschichte Liljas beginnt mit einer großen Hoffnung. Ihre Mutter heiratet neu, der Mann will nach Amerika und Lilja beginnt zu träumen und schwärmen. Sie wird bitter enttäuscht, im neuen Leben der Mutter ist für sie kein Platz, sie muss bei der Tante zurückbleiben. Ganz klassisch eine böse Frau, die Lilja aus der alten Wohnung wirft und in einem Zimmerloch hausen lässt, weiter entfernt von ihren Träumen denn je.

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Es ist ein tristes, bedrückendes Bild das Lukas Moodyson vom Leben in den kürzlich frei gewordenen Staaten des Baltikums zeichnet. Alles verfällt und verrottet, die Menschen problemgezeichnet und verhärtet, als Perspektive nur Wodka oder Klebstoff oder der Hoffnungsschimmer am Horizont: Europa, Schweden, nur einige dutzend Kilometer über die Ostsee, dort wartet das Paradies. Oder die Hölle – hunderte junger Frauen werden Jahr für Jahr mit Versprechungen eines paradiesischen Lebens in den Westen gelockt, dort erst ihres Passes, dann ihrer Würde und Unschuld beraubt und zwangsprostituiert. Der Westen, das alte Europa, Schweden zeigt hier seine hässliche Fratze, wenn der Familienvater von Lilja verlangt sich wie ein Schuldmädchen zu kleiden bevor er sich an ihr vergeht. Der Zuschauer erlebt diese Szenen immer aus der blossstellenden Perspektive Liljas, es sind ganz gewöhnliche – normal möchte man nicht sagen – Männer die Lust aus ihrem Leid ziehen.

Was Lilja 4 Ever zu einem besonderen Film macht, sind die kleinen Momente, wie der in dem Lilja sich in der Wohnung, in der sie in Schweden gefangen gehalten und vergewaltigt wird, eine kleine Höhle baut. Und sich zurück träumt zu Volodaya, einem kleinen Jungen in ihrer Heimatstadt zu dem sie Freundschaft geschlossen hatte und der sich nach ihrer Abreise mit einer Überdosis Pillen umbringt – keine Perspektive – keine Gnade – außer der Tod. Der Tod der in dieser Hölle nur als eine sich erbarmende und erlösende Gestalt auftreten kann die Lilja und Volodaya wieder vereint, auf den Dächern grauer Ruinen basketballspielend, Engelsflügel auf dem Rücken. So erschütternd die Thematik, so einfühlsam ist der Umgang mit Thema, Figuren und Erzählung, immer dort wo es unerträglich wird, bricht der Film mit der Logik der Tragik ohne diese dabei zu verharmlosen.

Lilja 4 ever | Lukas Moddyson | Oksana Akinshina, Artyom Bogucharsky | 2002 | Memfis Film | imdb, Wikipedia | Bilder © Arsenal Filmverleih

3 Kommentare!

  1. juli Am 1. June 2010 um 00:05 Uhr.

    hab den Film geschaut und musste weinen! So wahr und so schön ist er. Es war und ist leider die Realität in ehemaligen sowjetischen Ländern…..

  2. juli Am 1. June 2010 um 00:06 Uhr.

    ich bin damit aufgewachsen. Man konnte damals in den 90-er gar nicht auf den Straßen sicher sein!

  3. Mario Wimmer Am 2. June 2010 um 00:32 Uhr.

    Ja, sehr traurig-schön. Freut mich wenn ich dir mit der Empfehlung eine Freude machen konnte.

    Wo bist du dort aufgewachsen – falls es nicht zu persönlich ist?