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Uni brennt IV: Ziele. Groß. Realistisch?

von Florian Naumann

…vielleicht ist das Plenum im besetzten Audimax der Münchner LMU ein Sinnbild für diese Konflikte: Ausgerechnet 14 Vorlesungen der Wirtschaftswissenschaftler finden in dem Saal statt. Das sorgt für verständlichen Unmut. Und als sich nach etwa einer Woche immerhin eine gezielt abgeordnete Delegation der BWLer und VWLer zur – vorübergehenden – Mitarbeit im Plenum entschlossen hat, meldet sich einer aus dieser kompakt versammelten Gruppe und die erste Kritik ist eine symptomatische: Man könne ja die meisten Ziele unterstützen, sagt der blonde junge Mann mittwochsabends mit Blick in den Saal, aber das Erscheinungsbild des Protests mache eine Zusammenarbeit unmöglich: In einem Raum, in dem Plakate sich gegen “kapitalistische Verwertungslogik” aussprächen, wolle man nicht arbeiten.

Die implizite Androhung und die sich stellende Frage sind klar, und dabei geht es nicht um (ohnehin nur indivuelle) Meinungsäußerungen in Plakaten: Wird vermeintlich fundamental kritisiert, gebe es statt Mehrheiten Widerstände. Die Frage ist eine strategische. Jene, die zuletzt die Grünen und vielleicht bald die Linkspartei durchmachen werden. Sie stellte sich schnell: Der Spatz in der Hand, oder die Taube auf dem Dach. Eine größere Idee formulieren und eine Splitterfraktion bleiben – oder sich auf die egoistisch-rationalen Minimalforderungen zurückzuziehen. Das hieße hier: Abschaffung der Studiengebühren, bessere Finanzierung der Universitäten. Mit diesen Zielen, locken die Kritiker, ließe sich die gesamte Studentenschaft mobilisieren. Keine hässliche Vorstellung.

Zwei Tage zuvor hielt ein für einige Zeit nach Wien verreisender Theaterwissenschaftler an gleicher Stelle eine Abschiedsrede, die im Gegensatz an die Schöpferkraft des Plenums appellierte: Ein Bildungssystem zu kreieren, dass nicht zur kritiklosen Erfüllung von beruflichen Aufgaben, und zunächst Stunden- und Klausurplänen erziehe, sondern zur freien Recherche. Das allen offensteht. Das Menschen ausbildet, die in Eigenverantwortung ihr Leben und ihre Umwelt nach ihren Ideen gestalten, statt das Existente als unverrückbare Voraussetzung anzuerkennen. – Da sind feste Lehrpläne und Klausurenpauken wunderbare Sinnbilder für den späteren Umgang mit der Welt, die sich außerhalb der Unitüren befindet. Dass der Funke und die Idee des sich über Europa erstreckenden Protests nicht in einer finanziellen Erleichterung für das jetzt stecken – sondern in der Idee, dass es notwendig ist, dafür zu sorgen, dass über die Bildung ganz langsam eine andere Gesellschaft erzeugt wird – wie auch immer die Gebildeten sich diese dann vorstellen. Dass es gerade jetzt in eine falsche Richtung läuft – mit vielleicht langfristigen Folgen.

Die Rede sorgte für frenetischen Jubel bei einem gar nicht kleinen Teil der Besetzer – und für eher stille, aber recht unverrückbare Ablehnung bei jenem Teil der Anwesenden, die die Widerstände herstellen können. Und die vielleicht für jenen Teil der Nichtanwesenden stehen können, die sich eine solche Frage noch nie gestellt haben. Und die vielleicht schon sehr bald nicht mehr die Zeit haben werden, eine solche Frage überhaupt zu stellen.

Pragmatismus ist ein Bonuspunkt im Gespräch mit Politikern. Die Zustimmung aller Studierenden sicher ein Ziel. Und es steht kaum in Frage, dass eine Reform, die wieder verstärkt frei denkende Individuen fördern kann, nicht von heute auf morgen bewerkstelligt werden kann. Auch nicht aus dem jetzigen Protest heraus. Dass mächtige Interessen entgegenstehen, und politische Forderungen schnell im parlamentarischen Prozess zusammenschrumpfen und dann noch einmal im bürokratischen Prozess geschleift werden. Dass also die Umsetzungschancen nicht direkt groß sind. Ob das aber eine solche Forderung diskreditieren muss, ist eine andere Frage: Die pragmatischen Ziele (von der Abschaffung der Studiengebühren bis zu besserer finanzieller Ausstattung der Universitäten) als Kompromissprodukt ohnehin “abfallen” könnte. Und die Zahl der Anwesenden in besetzten Hörsälen und auf Demos spricht nicht dafür, dass eine Randgruppenmeinung formuliert würde: Bei der Europawahl beteiligen sich 50% der Deutschen. Wer würde ernsthaft erwarten, dass sich bei einem Studentenprotest 50% der Studierenden tagelang in Hörsäle setzen?

Nötiger als eine Pragmatisierung ist es vielleicht, die großen Hintergedanken lauter und überzeugter zu vermitteln: Für jene, die noch nie darüber nachgedacht haben – aber es jetzt noch können. Und für Ministerinnen, die die Forderung nach einem offenen Bildungssystem mit einem Stipendium für Spitzenstudenten beantworten wollen. Und damit klarzustellen: Die Zurückweisung einer Betrachtung von Lernenden als Mittel statt als Zweck ist keine linksradikale Forderung und keine Ideologisierung – sondern die Forderung der Rücknahme einer Ideologisierung: Wirtschaftsdenken für die Wirtschafts. Bildungsdenken, für die Bildung. Das ist kein Umsturz, sondern eine Rückkehr zur Normalität.

Am Ende stimmten die Wirtschaftswissenschaftler übrigens für die Kritik an der Ökonomisierung der Bildung. Und forderten am nächsten Tag in einem Statement die baldige Räumung des Audimax. Der Weg ist weit. Die Protestierenden sind wahrlich nicht die ersten, die ihn gehen. Aber vielleicht ist ihre Entscheidung besonders symptomatisch: Sie haben im Gegensatz zu Bundestagsparteien keine Machtinteressen. Sie können in der Gesellschaft am freiesten denken. Und was sie sich nicht trauen zu denken, ist fast schon Tabu. – Die Latte muss hoch gelegt werden.

Zur (Nicht-)Radikalität des Protests (SZ vom 17.11.) | Uni-Besetzungen Deutschland | Uni-Besetzung München

Titelbild: Besetzung im Münchner Audimax. Aus dem twitter-stream der Besetzung.

5 Kommentare!

  1. stefan Am 23. November 2009 um 22:49 Uhr.

    hm, meiner Meinung nach, hast Du den eigentlichen Flügelkampf nicht ganz richtig beschrieben.
    Es geht nicht um den Spatz in der Hand oder die Taube auf dem Dach, vielmehr dreht sich der Streit darum, ob man über die Taube auf dem Dach der Bildung redet oder den Taubenschwarm auf allen Häusern der Gesellschaftsordnung. :)
    Natürlich werden in einem Protest ambionierte Forderungen gestellt! Aber ich denke, wir sollten uns auf Bildung beschränken, denn da bekommen wir viele Leute hinter die Bewegung! Zusätzlich einen Konsens über das Gesellschaftssystem erreichen zu wollen ist mehr als nur ambioniert und m.E. nicht nötig, geschweigeden zielführend. Wobei ich natürlich nichts gegen umfassende Dikussionen im Plenum habe, in den Forderungspapieren sollen wir uns auf (ambionierte) Bildungsziele beschränken!

  2. Florian Naumann Am 24. November 2009 um 00:02 Uhr.

    Hej, also erstmal danke für den Kommentar… ;)
    Allerdings stimm ich dir – überraschenderweise ;) – nicht ganz zu… Diese “Kritik am Gesellschaftssystem” die immer wieder durch die Diskussion geistert, hat meiner Ansicht nach eigentlich nie wirklich stattgefunden. An welchem Punkt war/ist die denn festzumachen? Da könnte man eventuell den Hartz IV-Absatz im alten Positionspapier nennen – den kann man aber meines Erachtens ohne Substanzverlust auch streichen.
    Der Kernpunkt ist für mich (ich denk das kommt hier ja auch ganz gut raus) ist, dass im Bildungssystem Logiken Einzug halten, die da nicht hingehören: Vorgegebene Zielorientierungen und (das Wort passt einfach wie die Faust auf’s Auge, auch wenn’s wahrscheinlich für viele vorbelastet ist) “Verwertungslogiken”, die dazu führen, dass Bildung nicht für den Einzelnen geschieht, sondern mit dem Ziel schnell fakten- und im ökonomischen Sinne leistungsorientierte Arbeiter auszubilden… Klar klingt das nun verdächtig nach linker Fundamentalkritik – es _ist_ aber ganz eindeutig eine Bildungsforderung. Ich mein: Niemand hat eine Änderung des Wirtschaftssystems verlangt. Ich wüsste nicht wo…

  3. stefan Am 24. November 2009 um 22:08 Uhr.

    Die wenigen Male, wo ich im Plenum war, gab es durchaus Diskussionen um nicht bildungspolitischen Themen (find ich ja gut). Das Problem ist, dass das Gesamtauftreten einen Eindruck von Fundamentalkritik auch außerhalb der Bildung vermittelt. (ich erinnere mich an Plakate mit Hammer und Sichel, das Einstein Zitat mit der Forderung nach einem sozialistischen Wirtschaftsystem etc.). Meiner Einschätzung nach, setzt die Kritik vorallem an diesem Auftreten an. Zumindest ist dies meine ganz persönliche Kritik an einem Protest, den ich ansonsten sehr unterstütze.
    Und wo ich schon dabei bin, kann ich auch gleich noch eine zweite Kritik einbringen :) Ich denke, dass man aufpassen muss, dass das Pendel zwischen Ausbildung und Bildung nicht zu weit gegenschwenkt. Die Uni sollte auch keine “Insel der Elfenbeintürme sein”, sondern hat und hatte auch (!) immer einen Ausbildungscharakter (der derzeit deutlich überrepräsentiert ist).

  4. Florian Naumann Am 25. November 2009 um 00:43 Uhr.

    Ja – darauf können wir uns einigen, dass viele/einige von der Optik des Protests abgeschreckt sind. Wobei das natürlich eine interessante Frage ist: Darf man sich einen gerade geschaffenen “offenen Raum” selbst zensieren, damit mehr Konsens möglich ist? Und dann muss noch die Klarstellung her, dass es kaum die Inhalte sind – denn ich glaub die Vorstellung, dass die Inhalte zu heftig wären, war unter anderem die Motivation den aktuellen weichgespülten Positionspapierantrag zu stellen. Der beim Bafög einfach mal spontan hinter dem ersten (!) Angebot der Ministerin zurückbleibt…

    Dass es auch Ausbildung braucht: Klar, d’accord. Aber man muss halt immer für das kämpfen was grad fehlt. ;)

  5. Uni brannte VI: Protest und Geltung.-fallen/legen Am 1. February 2010 um 09:51 Uhr.

    [...] hier wurde es oft thematisiert: In den Bildungsprotesten steckte viel an Inhalt. An unterschiedliche Zielen: Vom Studiengebührenabschaffungs-Pragmatismus bis zur völlig berechtigten Kritik an der stumm [...]