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Der blöde Seppi

von Mario Wimmer

Der blöde Seppi ist eigentlich gar nicht blöd. Die Leute denken nur, der wäre blöd. Der muss ja blöd sein, wenn er jeden Tag dasteht über der B12 und den Autos winkt, die unten mit hundertzehn – Zehne drüber geht immer – vorbeidonnern. Mit Kindern, die neugierig schauen, und Vätern, die vom Seppi erzählen was sie wissen, nämlich dass er da schon länger meistens steht. Viel wissen sie also nicht vom Seppi, aber bei dem Tempo reicht es schon bis zum nächsten Überholmanöver, einer Herde Braungescheckter auf der grünen Wiese oder einem Streit um das letzte Maoam.

Die Geschichte vom Seppi fängt vor zehn oder vielleicht auch fünfzehn Jahren in seinem Dorf auf dem Hügel über der B12 an. Der Seppi ist der jüngste Bua vom Summarahof und darf deshalb schon traditionell alles. Er geht in der Stadt auf die Schule, immer um halb sechs holt ihn der Bus vom RVO unten an der Bundesstrasse ab. Den Hof kriegt sein Bruder, der Franz, also muss aus ihm schon was werden. Wird’s auch werden sagen alle, so wie der mit dem Kopf in den Büchern hängt, wird der Mal Professor. Professor für trashige Krimis, verschrobene Drogengeschichten und verspulte Science-Fiction vielleicht. Wenn er nicht grad im Kopf woanders ist, spielt der Seppi ziemlich gut Schlagzeug und miserabel Fussball, aber das gehört halt auch dazu, da wo ich herkomm.

Mit zwei Freunden aus der Schule und dem Karlo aus dem nächsten Dorf hat der Seppi so um die fünfzehn dann eine Punkband gegründet. Punk, weil dagegen in dem Alter eh super ist, und Punk, weil man dann auch mal daneben greifen kann. Hat zumindest der Max gemeint. Gespielt haben sie zuerst nur im Stadl beim Seppi daheim, aber nachdem zu der Zeit auf dem Land noch mehr jung und dagegen waren, haben sie nach und nach auch größere Kreise durch die Stadl im Landkreis gezogen. Ein bisschen blöd war es schon, dass sie immer die Mama vom Jak hat fahren müssen, aber pack mal ein Schlagzeug auf ein Mofa und fahr fünfzehn Kilometer damit. Und dann trinkst ein paar Bier, packst das Schlagzeug und die hübsche Blonde und fährst wieder zurück. Perfekt war das auch mit dem Jak seiner Mama nicht. Beim Bier hat sie ganz schön aufgepasst, und die Mädel haben auch immer dableiben müssen. Vielleicht, weil der Jak nie eine gekriegt hat, blasses Grischperl das er war.

Was jetzt wiederrum nicht heißt, dass der Jak und seine Mama keinen Spaß gehabt hätten. Es gab nämlich eigentlich immer einen Papa oder eine Mama, die ein paar von den Mädels haben abholen müssen. Und weil die Mädels meistens nicht gleich da waren, dann haben sie halt mit der Mama vom Jak das Ratschen angefangen. Und weil die Mama vom Jak recht gern und gut geratscht hat, war es auch nie ein Problem, wenn sich die Mädels noch auf ein Bier oder zwei mit dem Seppi, dem Max und dem Karlo hinter dem Stadl rumdruckt haben. Irgendwann sind dann auf fast magische Weise drei Sachen gleichzeitig passiert: der Jak war fertig mit Schlagzeug einpacken, seine Mama dann auch recht schnell mit ratschen, und dann sind noch plötzlich die verschollenen Mädels aufgetaucht, natürlich aus der entgegengesetzten Richtung wie the Good, the Bad und the Ugly. Ganz selten hat das auch nicht geklappt mit der Magie. Was genau da schief gelaufen ist, hat nachher keiner mehr sagen können. Aber, irgendwie ist es manchmal dazu gekommen, dass jemand den Abend entzaubert hat.

Dieser Jemand war eigentlich immer die Mama vom Jak, die zu früh mit dem Ratschen fertig war und hinter den Stadl geschaut hat. Und weil die, wie schon erwähnt, Bier auf den Tod nicht ausstehen konnte, war die Heimfahrt dann meistens ein bisschen anspruchsvoller. Nur ein einziges Mal, da war es nicht die Mama vom Jak, die dem Abend die Magie genommen hat. Während sie vor dem Stadl noch ganz handfest mit dem Berger über seinen Fendt Neunzwanzig gefachsimpelt hat, war es der Vater von der Mosner Maria, der “amoi schaun woit, wo Madame denn klebn bliem is”. Auf dem Schoss vom Karlo nämlich, dem er dann auch gleich plastisch zu verstehen gegeben hat, dass er der Meinung ist, der Karlo hätte sich das Top von der Maria jetzt lang und intensiv genug angeschaut. Und wie der Karlo, die jugendliche Unschuld, daheim unvorsichtigerweise die Wahrheit gesagt hat, wie er gefragt worden ist, wo denn das Veilchen her ist, hat sein Vater sich direkt bemüßigt gefühlt, die Symmetrie im Antlitz seines Sohnes wieder herzustellen. Dann hat der Karlo halt zwei Wochen ausgeschaut hat wie ein Waschbär, erst in blau dann lila und dann grün.

Es war die wunderbar zähe Zeit, in der alles einfach so dahinschwimmt. In der die einzige Verpflichtung darin besteht fünf Tage die Woche, sechs bis acht Stunden in Zweierreihen mit den Stühlen zu schaukeln und zweimal jährlich gerade so durchzukommen. Und mitten in dieser Zeit, in der man schon fast alles darf und eh schon alles kann, sind die vier dann nach und nach siebzehn geworden. Getourt sind sie immer noch durch die Stadl der umliegenden Dörfer, obwohl sie auch anders hätten können, nachdem sie nicht mehr ganz so oft daneben gegriffen haben und auch nicht mehr ganz so dagegen waren. Aber dann wär aus dem Schwimmen und Treiben vielleicht ein hektisches Strampeln und Trampeln geworden, und das wäre ja auch schade gewesen. Und wie sie in der ersten Maiwoche mal wieder beim Huababauern gespielt haben, da hat der Seppi auf einmal die Augen von der Steffi im Publikum entdeckt – braune Augen – rehbraune Augen – die ihn einmal, zweimal ganz unverschämt zugezwinkert und ihn dann noch unverschämtererweise den Rest des Abends ignoriert haben. So hats zumindest der Seppi später erzählt – und der muss es wissen, er hat die Steffi schließlich den ganzen Abend angestarrt.

Steffi, die VW-Bully-Queen, die einen Stiefel fährt, der dem Bus hin und wieder den einen Kratzer in den Lack und ihrem armen Vater die Tränen in die Augen treibt. Steffi, – nein das erzähl ich gleich, jetzt müssen sich die zwei ja erstmal kennenlernen, das war ja schließlich auch nicht ohne. Beim nächsten Konzert war die Steffi nämlich nicht da und beim übernächsten auch nicht, aber beim überübernächsten – braune Augen – rehbraune Augen und lange, blonde Haare – einmal, zweimal zwinkern und dann wieder ignorieren. Und das, obwohl der Seppi der coolste Hund in der Band war. Sänger, Leadgitarre, ein wildes blondes Gestrüpp auf dem Kopf, tiefblaue Augen und immer eine erbärmlich gedrehte Zigarette im Mund, hat der wirklich jede gekriegt. Nach dem dritten Konzert – braune Augen – rehbraune Augen, lange, blonde Haare und sanftrote Lippen – einmal, zweimal Zwinkern und dann zur Tür raus, ist er ihr dann nach. Sie war schon fast bei den Autos, also hat da Seppi einen Sprint hingelegt wie in besten Fussballerzeiten und -

- He, wart amoi!

- Was denn?

- Steffi, ge?

- Ja.

Da stehen die zwei im blassen Mondlicht wie bei Caspar David Friedrich und kriegen langsam nasse Füße vom Tau. Schweigen sich an, der Seppi weil er ja grad eh keine Luft kriegt und vielleicht zwei Bier zuviel hat, um was Gutes zu sagen. Und die Steffi, weil sie drei Bier zu wenig hat und in der Beziehung sowieso leicht oberbayrisch geprägt ist. Wie auf dem Cover vom kleinen Prinzen, von dem Franzosen, wo der Bua ganz allein auf dem winzigen Mond steht, stehen die zwei grad ganz allein auf unserem grün, blauen Ball und sagen nichts und warum muss der ausgerechnet heute so schlingern? Eh alles wurscht.

- Magst – vielleicht no a Bier?

- Hast no oans da?

- Na.

- Muas eh fahrn, hast a Zigg?

- Freilich.

Ganz Gentleman wollte der Seppi ihr natürlich eine drehen, aber so schnell hat er gar nicht schauen können, da hat die Steffi die Paper und den Tabakbeutel in der Hand gehabt und sich selber zwei gedreht – eine für jetzt und eine hinters Ohr. Es hat dann keiner mehr was bedeutendes gesagt an dem Abend, es sind keine Telefonnummern getauscht und auch keine Dates ausgemacht worden, aber die Steffi hat so für sich beschlossen, dass das eigentlich ganz cool war, dass sich der Seppi, der fesche Hund, so lang nicht getraut hat.

Fortsetzung folgt nächsten Freitag.

9 Kommentare!

  1. Michl Am 30. October 2009 um 21:22 Uhr.

    Echt sauguad!
    Aber bissl autobiografisch is des scho, oder?
    Gfrei mi scho auf nächsten Freitag wenns weider geht. ;o)

    Pfiat eich

  2. Christoph Am 31. October 2009 um 12:27 Uhr.

    gefällt.

  3. stefan Am 4. November 2009 um 18:01 Uhr.

    ich will so ein “daumen nach oben” button wie im facebook ;)

    wirklich schön, bin auch gespannt.

  4. Florian Naumann Am 4. November 2009 um 20:52 Uhr.

    ich sag’s doch, ist klasse. irgendwann macht uns der mario das buch zur region. ;)

  5. Der blöde Seppi, Teil Zwei-fallen/legen Am 6. November 2009 um 21:32 Uhr.

    [...] Der blöde Seppi, Teil Zwei [...]

  6. Der blöde Seppi, Teil Drei-fallen/legen Am 15. November 2009 um 16:17 Uhr.

    [...] Der blöde Seppi, Teil Drei [...]

  7. Der blöde Seppi, Teil 4-fallen/legen Am 20. November 2009 um 02:11 Uhr.

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  8. Bläd glaffa-fallen/legen Am 26. November 2009 um 18:57 Uhr.

    [...] Heid a moi Dialekt – wer’s ned mog, kon ja nomoi den Seppi (1,2,3,4)lesn. [...]

  9. fallen/legen Kleine, gute, Nachtlektüre-fallen/legen Am 24. May 2010 um 23:24 Uhr.

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