fallen/legen blog

In Jubel untergehen

von Mario Wimmer

Zu Tode gejubelt haben gestern die Teilnehmer eines Flashmobs in Hamburg auf Aufforderung der Blogs Nerdcore und Spreeblick die Wahlkampfrede von Bundeskanzlerin Merkel. Kaum hatte die Kanzlerin einen Satz beendet, schallte es ihr aus einem drei Dutzend starken Chor entgegen: Und alle so, YEAHHH!

YouTube Preview Image

Der Flashmob – als Einzelaktion durchaus witzig – wird im größeren Bild zum i-Tüpfelchen einer eher traurigen Entwicklung: Der Entfremdung einer Gesellschaft von sich selbst. Einer Entfremdung die sich in einem Wahlkampf niederschlägt den Richard David Precht in der ZEIT gerade als “Folgen einer guten Herrschaft” so beschreibt:

Plakate ohne Inhalt; ein Land ohne Eigenschaften. [...] Was den Parteien in letzter Hektik vor der Wahl zu ihren politischen Kontrahenten einfällt, ist keine Komödie und keine Tragödie, sondern aggressiver Klamauk. Eine lumpige Farce, bei der der Wähler ohnehin längst weiß: Unsere Parteien sind schon lange weit weniger Marke als etwa Gucci oder Nutella. Was draufsteht, ist gar nicht drin.

Parteien und Politiker sind keine Marken mehr und haben eine klar definierte Klientel verloren, ihre Konzepte heben sich kaum noch von einander und einer diffusen politischen Mitte ab, es eint sie die Idee “everybodys darling” sein zu müssen.

Das Habenwollen ist wichtiger als das Seinwollen und wird auch von allen Parteien akzeptiert. Wo sie früher Sprachrohre sein wollten für eine bestimmte Klientel, gibt es heute nur noch »Volksparteien«, also Discounter. Ein Sortiment für alle unter einem Dach. Kein Wunder, dass jeder Klientelvorteil der Parteien als Vorteil für jeden verkauft wird.

Verkauft werden muss, denn nicht nur Parteien und Politiker haben sich verändert, auch das Verständnis der Bürger von Staat und Gemeinschaft und der eigenen Rolle in ihnen hat sich gewandelt. Die Gesellschaft wird von vielen Bürgern nicht mehr als eine in ihrem Kern jedem ihrer Teilhaber überlebensnotwendige Gemeinschaft, sondern als störende Konkurrenz wahrgenommen. Der Staat nicht mehr als Instrument ihrer Selbststeuerung und Sicherung, sondern als unwillig geduldeter Dienstleister, von dem es möglichst viel Leistung mit möglichst wenig Gegenleistung zu erreichen gilt.

Wir sind keine Staatsbürger mehr, sondern Investmentbanker unserer selbst. Wer sich selbst treu sein will, verpflichtet sich lieber zu nichts mehr. Wenn es schiefgeht, zieht er sein Kapital an Aufmerksamkeit, Arbeitskraft und Vertrauen ab. [...] Gibt es eine Politik für Menschen, die die Abwrackprämie volkswirtschaftlich für falsch halten, sie aber trotzdem kassieren? Für Wähler, die von der Politik eine Ehrlichkeit fordern, die sie im Zweifelsfall selbst nicht haben?

Den Hamburger Flashmob kann man in dieser Lesart in zwei Richtungen deuten. Als Symptom einer sich endgültig zerrüttenden Gesellschaft, als ein Höhepunkt unserer Entwicklung zu hemmungslosen Egoisten, die für den politischen Diskurs selbst wenn ihre ureigensten Interessen berührt werden nicht mehr als ein zynisches “Yeah” über haben und die Gemeinschaft nur in zynischem Egoismus finden. Dann mag der Ole Reißmann im SPIEGEL Recht haben mit seinem Lob an den Medienprofi Merkel:

Das pubertäre Stören ihrer Politikveranstaltung muss auch Angela Merkel wahrnehmen, so laut und penetrant tönt es ihr entgegen. EM Aber sie ist viel zu sehr Profi, als dass sie sich irgend etwas anmerken lassen würde. EM Stattdessen ballt sie ihre Faust und spricht über die Wiedervereinigung und über Familienpolitik. “Yeah.”

Und seiner eigentlich unglaublichen Frage ob man in so einem Staat sogar simple, lautstarke Meinungsäußerung als sicherheitsgefährdend einstufen sollte:

Hätte der Flashmob-Terror von den Sicherheitsbehörden im Vorfeld verhindert werden müssen?

Man könnte diesen Flashmob und das was in seinem Vor- und Umfeld geschehen ist und geschieht – die Parteineugründungen von DIE LINKE und den PIRATEN, möglicherweise Anzeichen für die politisierung bisher apolitischer Bevölkerungsteile – aber auch als einen Umkehrpunkt in dieser Entwicklung sehen. Als Wiederentdeckung der Kraft und Sinnhaftigkeit einer Gemeinschaft von Individuen die mit ihrem dadaistischen Anti-Jubel, die einzig adäquate Antwort auf den inhaltslosen Dada der Wahlkampfreden geben, in welchen noch jede Niederlage zum Sieg und jede Phrase zum Programm hochgejubelt wird.

Und dann müsste man dem Medienprofi Merkel attestieren, klarer kann man eigentlich nicht sagen eure Anliegen, eure Meinung, eure Anwesenheit interessiert mich nicht. Ich bin nicht interessiert an einem politischen Diskurs und damit als Kanzlerin in einer Republik am Scheideweg absolut deplaziert.

Und der jubelnden Dadaisten-Gemeinschaft? Wer Yeah! -schreit muss auch B sagen.

Teaserbild via Nerdcore.

2 Kommentare!

  1. Florian Naumann Am 20. September 2009 um 23:01 Uhr.

    Ja… das Bild bleibt natürlich etwas diffus ‘i-tüpfelchen einer traurigen Entwicklung’, ‘wiederentdeckung der gemeinschaftlichen kraft – mut zur ambivalenz oder dialektik vielleicht, aber dann müsste halt “ambivalenz” unter den strich…

    aber es ist halt auch alles diffus – es versteht wohl wirklich kaum einer, was eigentlich gerade passiert und wohin es führt.

  2. Mario Wimmer Am 20. September 2009 um 23:24 Uhr.

    aber es ist halt auch alles diffus – es versteht wohl wirklich kaum einer, was eigentlich gerade passiert und wohin es führt.

    Ich sehe da eigentlich schon relativ klar zwei Richtungen – weiter wie bisher und als Egoisten untergehen oder andersdenken und andersmachen und vielleicht als Egoisten mit einem Fitzelchen gemeinschaftlichen Verantwortungsgefühls eine bessere Zukunft gestalten.

    Jeder für sich essen Gesellschaft auf – natürlich schade wenn das diffus rüberkommt.